Zeitgemäßer Sexualkunde-Unterricht, ohne Tabu und auf dem Stand der Forschung. Mit psychologischem Hintergrundwissen, kostenlosen Führerscheinen und fertigem Material, das dich als Lehrkraft sicher und kompetent macht.
Sexualkunde, Sexualerziehung, Sexualunterricht, sexuelle Aufklärung, das alles sind Begriffe, die heute unter dem Begriff der „Sexuellen Bildung" zusammengefasst werden. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden sie oft synonym verwendet.
Bereits 1968 beschloss das Kultusministerium, dass Sexuelle Bildung im Lehrplan und damit in den Schulen integriert werden soll. Bis heute herrschen allerdings etliche Kontroversen zu Inhalten und Vermittlungspraxis. Das betrifft sowohl den Ort der Vermittlung (wo und von wem) als auch die Didaktik (wie) und die Zielgruppe (wann und wer). Im Mittelpunkt steht dabei aus allen Perspektiven das Wohl der Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden.
Ursprünglich war die sexuelle Aufklärung im Biologieunterricht und in Grundschulen im Sachunterricht angesiedelt. Heute soll Sexuelle Bildung fächerübergreifend unterrichtet werden.
Sexuelle Bildung wird fächerübergreifend gedacht und geht damit über die allgemeine Biologie hinaus. Inhalte sind nicht nur anatomische Kenntnisse, sexuell übertragbare Krankheiten und Verhütung. Angestrebt wird stattdessen ein ganzheitliches Verständnis für die emotionalen, sozialen und ethischen Aspekte der Sexualität über die Lebensspanne des Individuums.
Sexuelle Bildung kann unter anderem die folgenden Themenbereiche beinhalten:
Eine umfassende Sexuelle Bildung zielt darauf ab, Jugendlichen und Erwachsenen die Werkzeuge zu geben, die sie benötigen, um informierte Entscheidungen im Bereich der Sexualität zu treffen und ihre sexuelle Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu fördern. Idealerweise ist sie altersgerecht, geschlechts- und kultursensibel sowie frei von Vorurteilen. Genau darin bestehen viele Herausforderungen, eigentlich ist es sogar unmöglich, alles abzudecken, es kann aber eine zielführende Vision sein.
Niemand ist frei von Vorurteilen, alle bringen eigene Erfahrungen und eine individuelle Haltung mit, und keine davon ist endgültig richtig oder gesichert. Soziale und kulturelle Settings unterscheiden sich, und als gängig empfundene Regeln verfehlen immer wieder einzelne Situationen und Individuen. Konsequenterweise funktioniert Sexuelle Bildung nur über umfassende Kompetenz, um dann flexibel handlungsfähig zu sein, denn die Umstände ändern sich stetig.
Sexuelle Bildung erstreckt sich über ein Spektrum zwischen Konservatismus, liberal-moderaten Positionen bis hin zu (neo-)emanzipatorischen Perspektiven. Alle Positionen sind gut begründet und argumentieren für Gesundheit und den Schutz von Kindern und Jugendlichen, die Werte und Ziele decken sich meist, die Strategien zur Zielerreichung unterscheiden sich aber gravierend, und darin liegt die Herausforderung.
Studien zeigen: Zugang zu Informationen und Sexueller Bildung ist förderlich für die sexuelle Gesundheit und hat keine sexualisierenden Effekte. Die Sorge, Kindern Homosexualität „einzureden", lässt sich zurückweisen, niemand wird homosexuell, weil es im Schulbuch abgebildet wird. Belegt sind viele positive Effekte: von sichererem Verhalten über Konsenspraktiken bis zur Steigerung der Lebenszufriedenheit. Die Effekte neo-emanzipatorischer Bildung sind dagegen bislang nicht gesichert, fachlich wird kritisiert, dass manche Paradigmen ein „Genussdiktat" vorschreiben könnten, das Kinder und Jugendliche mit seiner Explizitheit überfrachtet und „Normalität" marginalisiert.
Nur rund 10 % aller Lehrkräfte haben eine thematische Vorbildung, meist aus Biologie und Sachkunde. In der Praxis hat die große Mehrheit also keine Ausbildung zum Thema, und selbst die, die Wissen mitbringen, fühlen sich in vielen Bereichen unsicher: rund um Social Media, Online-Dating und Pornografie, aber auch bei Vielfalt (LGBTQIA+), psychischer Gesundheit und Konsens.
Um dieser Herausforderung zu begegnen, haben wir kostenlose Dating- und Pornoführerscheine konzipiert, ein digitales Lehrformat, das Lehrkräfte und pädagogisches Fachpersonal in ihren Kompetenzen stärkt und sie fachlich wie didaktisch bei der Vermittlung an Jugendliche unterstützt. Hier gibt es das gratis Material, den Porno- und Datingführerschein.
Die genannten Themen (Social Media, Online-Dating, Pornografie, Vielfalt, psychische Gesundheit, Konsens) sind genau die, die von Jugendlichen am meisten nachgefragt werden. Sie haben heute Zugang zu vielen Informationen über das Internet, das heißt aber nicht, dass sie mehr wissen als kompetente Erwachsene. Die Fragen von Kindern und Jugendlichen sind wichtig und sollten beantwortet werden, Erwachsene können und sollen sie aber erweitern, etwa beim Thema Fertilität: Auch wenn Kinder fragen „Wie entsteht ein Kind?", spielt das Thema später im Leben eine große Rolle, besonders, wenn es nicht funktioniert wie erwartet.
Der klassische Materialkoffer ist vielen eine Erinnerung und teils noch im Einsatz, Holzpenis oder Banane funktionieren, aber nur für das spezifische Ziel der Verhütung und oft mit reduzierter Auswahl „klassischer" Methoden. Aufklärungs-, Unterrichtsmaterial und Arbeitsblätter sind heute leider oft veraltet, bilden heteronormative, stark vereinfachte Inhalte ab und sprechen z.B. weiter primär die Pille als Verhütung aus, ohne Risiken einzuordnen. Es braucht mehr als das Aufziehen eines Kondoms.
Generell besteht das Streben, die Themen möglichst richtig abzubilden. Weil das Feld aber umfassend, vieldeutig und komplex ist, wird oft reduziert (auf Biologie und Prävention) oder ausgewichen. Aus Hilflosigkeit zeigen sich manchmal irreführende Strategien, etwa beim Umgang mit Homophobie, die dann nur verboten wird, statt die dahinterliegende Suche nach positiver Männlichkeit aufzugreifen. Das liegt neben fehlender Ausbildung auch daran, dass sich Lehrkräfte politisch riskiert und alleingelassen fühlen, obwohl der großen Mehrheit das Thema am Herzen liegt.
Neben dem Wissen aus dem Studium eignen sich manche Wissen über Drittanbieter an oder lagern die Sexuelle Bildung aus, z.B. an pro familia oder die petze, die Workshops in der Schule anbieten. Das kann sinnvoll sein, weil Schüler/innen über externe Personen auch persönliche Anliegen besprechen können. Outsourcing allein reicht aber nicht: Lehrkräfte und pädagogisches Personal sind die fast täglichen Bezugspersonen, daher muss gewährleistet sein, dass sie sich kompetent fühlen, mit den Anliegen der Kinder und Jugendlichen umzugehen.
Faktenwissen transportiert sich für Fachpersonen wie Jugendliche zunehmend über Social Media und YouTube, was früher die Bravo war, ist heute online und entgrenzt. Dort suchen auch Lehrpersonen Informationen, etwa pop-psychologische Inhalte zu Beziehungen und Identität. Die Qualität schwankt aber stark, oft sind es keine Fachpersonen, und spätestens durch starke Verkürzung entstehen irreführende und missverständliche Inhalte.
In der Schule wird Sexuelle Bildung zumeist in der 3.–4. Klasse, in der 7.–8. Klasse und in der Oberstufe gelehrt, möglich ist sie in allen Altersstufen. Nach BZgA und WHO gibt es inhaltliche Vorgaben, Ziele und Kompetenz-Standards von 0 Jahren bis ins hohe Erwachsenenalter, diese sind hilfreich, aber sehr allgemein.
Als Grundsatz gilt: Eine gute Sexuelle Bildung ist die beste Prävention, und man kann nicht zu früh anfangen, etwa beim Benennen von Körperteilen und dem Bewusstsein eigener Grenzen, das ist schon im Kindergartenalter angemessen. In der Grundschule geht es meist um Fortpflanzung, organisches Faktenwissen, Emotionen, Lebensweisen und Werte. Ab der weiterführenden Schule kommen Rechte, soziale Rollen, Normen, Kultur, Identität, Wünsche und Verlangen dazu. Die Themen sind altersübergreifend ähnlich, unterscheiden sich aber in Tiefe und Art der Behandlung. Zentral ist das Mitdenken der Elternschaft, viele kündigen das Thema mit Elternbriefen an.
(Früh-)Sexualisierung: umkämpfter Begriff, der alle angeht.Der Begriff der Frühsexualisierung ist politisch aufgeladen und wird mitunter als Kampfbegriff eingesetzt. Menschen sind von Geburt an sexuelle Wesen, und Wissen wirkt grundsätzlich präventiv und emanzipiert, im frühen Alter vor allem Körperwissen und Grenzen, nicht sexuelle Praktiken und Begriffe. Eine grobe Leitlinie: kein Wissen aufdrängen, aber Fragen beantworten, und vor allem auf Werte und emotionale Bedürfnisse eingehen. Auf der Ebene von Werten und Emotionen findet keine Sexualisierung statt.
Ein besonders wichtiger Aspekt ist das Embodiment. Unter der vorangetriebenen Trennung von Körper und Kognition wird das Potenzial des Körpers als Verbindung zur Welt und zum Unterbewussten oft übersehen. Mit Fragen zum Körpergefühl (Wohlbefinden, Lust, Intuition) und Übungen (Meditationen, Traumreisen) lässt sich diese Fähigkeit üben. Das wirkt auch präventiv gegen Stress und hilft bei Konzentration, Leistungsfähigkeit und Resilienz.
Bei heterogenen Anliegen und heterogenem Vorwissen kann eine zeitweise Trennung einen Schutzraum für persönliche Fragen bieten und interkulturell sinnvoll sein. Anzustreben ist aber, dass alle Schüler/innen Zugang zu allen Informationen haben und eine Differenzierung nicht weiter vorangetrieben wird. Es gibt jeweils Pro und Contra, die situativ abgewogen werden müssen, vorschnelle Allround-Regeln sind nicht haltbar.
Sexuelle Bildung wird interkulturell sehr unterschiedlich verhandelt, die Differenz verläuft dabei weniger entlang von Religion als entlang von Konservatismus (wie sich am Beispiel Polens zeigt). Für Kinder und Jugendliche, die zu Hause mit Tabu und ausbleibender Akzeptanz konfrontiert sind (manche dürfen nicht teilnehmen), ist niedrigschwelliger, diskreter Zugang zu Informationen besonders wichtig, von Hygieneartikeln bis zu Prävention und Rechten. Vertiefend dazu unser Aufbaumodul Interkulturelle Kompetenz in der Sexuellen Bildung.
Ja. Gerade für Menschen mit Behinderung gibt es wenige Angebote und viel stigmatisierende Bedrohung rund um Sexualität und intime Beziehung. Auch Menschen mit Beeinträchtigung wünschen sich Intimität, Beziehungen und Nachwuchs, diese Gruppe ist radikal mitzudenken und zu inkludieren. Dafür gibt es eigene Konzepte, mehr in der Fortbildung Sexualitätsbegleitung für Menschen mit Behinderung.
Dos: Du musst nicht alle Dilemmata lösen, manche Fragen sind auch in der Forschung offen, mach sie dann zum Thema. Arbeite ergebnisoffen und prozessorientiert. Du darfst als Korrektiv wirken und Horizonte erweitern (erweiternder, nicht sanktionierender Tenor). Arbeite mit Emotionen, Körper und höheren Werten („In welcher Welt möchte ich leben?"). Lenke Provokationen auf die dahinterliegenden Anliegen um und unterstelle den anderen das Beste.
Don'ts: Annehmen, Jugendliche wüssten schon alles; Fragen als Provokation sanktionieren; sich politisch riskiert fühlen und davon hemmen lassen; aus Unsicherheit verkürzen und vereinfachen; sich nur auf Social Media „fortbilden"; sich allein fühlen; Victim-Blaming, Angst, Scham und Schuld reproduzieren; alles Neue unhinterfragt übernehmen, nicht alles Neue ist progressiv.
Eine Idee: Sexuelle Bildung emotionen- und wertebasiert sowie ergebnisoffen gestalten und verschiedene Antworten in ambivalenten, komplexen und individualisierten Bedeutungen zulassen. Genau dafür gibt es bereits Formate, die das ermöglichen, von den kostenlosen Führerscheinen bis zur zertifizierten Fortbildung.
Mit Dr. Johanna Degen & Madita Oeming
Das volle Fundament in 17 Wochen: inkl. Pornoführerschein, Online-Dating, LGBTQIA+, Fortpflanzung, Gewalt & Sicherheit, Resilienz und didaktischen Fallbeispielen. Für Lehrkräfte, Pädagog/innen und alle Interessierten.
Zur Fortbildung SB101 →Material für Jugendliche, Eltern und Pädagogen/innen: kostenlos und mit Unterrichtsmaterial. Forschungsbasiert, ohne Tabu, direkt einsetzbar.
Für Jugendliche gemacht, auch in leichter Sprache mit METACOM. Mit Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte und Pädagogen/innen.
Sexualpädagogen/innen beantworten authentische Fragen von Jugendlichen zu Pornografie, Beziehung und Aufklärung.
Ich habe erst mit 25 und auf YouTube gelernt, dass mein Ausfluss und das Aussehen meiner Vulva nicht eklig, sondern normal sind. So viele Jahre, in denen ich mich geschämt habe, das würde ich den Mädchen so gerne ersparen.
Für die Jungs sind Pornos als Aufklärung mitunter überfordernd. Das ist ja keine Doku über Sex, sondern ein kulturelles Artefakt, damit muss man den Umgang erst lernen.
Ich wurde einfach gar nicht richtig aufgeklärt, es war für mich nur Trial-and-Error und nicht immer sehr glücklich.
Bei mir sieht das da unten aber ganz anders aus, und bis ich auf Instagram so einen Account gefunden hatte, dachte ich, ich wäre ein Freak.
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